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Stickelgräber in Schlierbach

Lage:Lindenfels-Schlierbach, Kirchstraße
Ort:64678 Lindenfels
Träger:ev. Kirchengemeinde Schlierbach

Hier ruht in Frieden ..."
Schlichte Grabstickel auf dem Kirchhof eine Besonderheit im Odenwald-Dorf Schlierbach

Hier der schmucke Fachwerkbau "Zum Römischen Kaiser" im etwas mehr als 500 Einwohner zählenden Odenwald-Dörfchen Schlierbach - da der gerade mal 100 Schritte davon entfernte Kirchhof ...

Während sich in der aufs Jahr 1776 zurückgehende gemütlichen Gaststube bei Koch- und Handkäs´ "mit Musik" (eingelegte Zwiebeln) nebst Ebbelwoi die Ausflügler drängen, verschlägt es zum Kirchlein mit seinen rund 1000 Jahre alten Unsprüngen kaum einen Fremden.

Doch auf der Sandsteinmauer des Gottesackers finden zumindest all jene, die nicht nur den weltlichen Freuden frönen, den Hinweis, dass sich hinter diesem eisernen Tor etwas Besonderes befindet: Grabsteinstickel, einfache weiß lackierte Holzbretter, deren einziger Schmuck ein aufgemalter Blumentopf ist, unter dem "Hier ruht in Frieden" nebst Namen, Herkunftsort und Todesjahr geschrieben ist.

Evangelisch-reformiert

Pfarrer Roland Pappe, Seelsorger des Kirchenspiels Schlierbach mit seinen 16 Dörfern und 2.500 evangelisch-reformierten Gläubigen, erinnert sich an seine Jugend, als er eine Reportage in einer Illustrierten gelesen hat, die sich mit einem Friedhof im deutschsprachigen Ungarn befasste. Auf dem befanden sich breite Holzbretter statt der üblichen Grabsteine, die schmuck ausgemalt waren und auf denen der Lebenslauf der Verstorbenen in Balladenform vermerkt war.
Totenbretter sind insbesondere noch im Südosten Deutschlands bekannt, im Bayrischen Wald und vor allem auch im Berchtesgadener Land. Doch im Odenwald? In Hessen, im zwischen Heidelberg und Darmstadt gelegenen, zum Luftkurort Lindenfels gehörenden Teilort Schlierbach?

Brüder Bitsch die Ersten

Es war die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), als in dem auch durch die Pest fast völlig ausgestorbenen Dörfern der damaligen Kurpfalz viele Schweizer Einwanderer eine neue Heimat fanden. Es waren reformierte, calvinistische Christen, die die Einladung des Pfalzgrafen annahmen und sich in den Odenwaldtälern niederließen. Zwei Brüder Bitsch waren offensichtlich die ersten, die in eine Gegend kamen, in der sie viele brachliegende Höfe vorfanden. Matthias Bitsch, aus der Gegen von Chur stammend, ließ sich 1662 in Breitenwiesen nieder, sein Bruder Christian in Raidelbach. Zusammen hatten die beiden Familien mehr als 20 Kinder, von denen nur wenige im frühen Kindheitsalter starben.
Allein zwölf Buben erreichten das heiratsfähige Alter und gründeten eigene Familien. Kein Wunder, dass der Name Bitsch bis heute nicht mehr aus dem Odenwald verschwunden ist, Auswanderer trugen ihn zudem nach Dänemark, Russland, Ungarn und Nordamerika.
Das Brauchtum, die Gräber der Verstorbenen mit einem schlichten Holzstickel zu versehen, den ein geschnitztes Dächelchen zierte, stammt vermutlich von den Schweizer Einwanderern. Ihre religiösen Wurzeln hatten sie bei Johannes Calvin (1509 - 1564) gefunden, der wie sein Landsmann Ulrich Zwingli (1484-1531) auf eine radikale Erneuerung (Reformation) der Kirche setzte. Sie gaben den traditionellen Ablauf der Messe auf und feierten ihre Gottesdienst mit Gebet, Bibellesungen, Predigt und Psalmengesang.
Auch die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde in Schlierbach, obwohl Mitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat ihre traditionellen Wurzeln bewahrt. Die kleine Kirche auf dem Friedhof weist Ursprünge aus dem Jahr 1000 auf, ihre schlichte Sachlichkeit stammt jedoch aus einem Umbau Mitte des 19. Jahrhunderts. Getreu dem Gebot "Du sollst Dir kein Zeichen machen" ist keine Ausmalung, keine Kerze, kein Kreuz in ihr zu finden. "Ein anständiger Christ trägt das Kreuz auf seinem Buckel" bemerkt Pfarrer Pappe und fügt hinzu: "Unser einziger Schmuck ist das Wort Gottes."

Keine reichen Leute

Und da die Calvinisten das Kreuz nicht als Zeichen des Glaubens hervorheben, haben die Grabstätten einfache Stickel geziert. "Die Leute in unseren Tälern warn nicht reich, so ist es vermutlich auch ein Zeichen von Armut gewesen, dass diese verzierten Holzlatten als Grabschmuck dienten", weiß der Seelsorger. Der zudem daran erinnert, "dass die Toten einst auf Brettern aufgebahrt wurden, das danach mehr oder weniger kunstvoll bearbeitet und bemalt wurde."
Die ältesten Stickel auf dem Friedhof von Schlierbach stammen aus den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Da sie aus Nadelholz hergestellt wurden war ihr Lebensalter begrenzt.
Zudem: als der Kirchhof in den 50er-Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde, hatten viele gedacht, das sei nurmehr eine Erinnerung an altes Brauchtum und hatten auf dem neuen Teil nurmehr Grabsteine aufgestellt. Doch mittlerweile werden wieder vermehrt Stickel festgesetzt, freut sich Pappe.

Dreieinigkeit als Blüten

"Früher hat man erkennen können, von welchem Schreiner die Stickel stammen. Jeder hatte seine Handschrift", erinnert sich der Pfarrer. Heute ist nur mehr Meister Friedrich Hartmann übrig geblieben, der das "Schlierbacher Totenbrett" fertigt und auch mit einem Blumentopf bemalt, der drei Blüten enthält, die die Dreieinigkeit symbolisieren. Die Luftwurzeln, die aus ihm herausquellen, stehen für das ewige Leben.

Gegen einen Steinklotz

Findet heute auf dem Kirchhof von Schlierbach eine Beerdigung statt, dann steht am frisch ausgehobenen Grab ein solch geschnitztes Brett. Dass das dann auch bleibt und nicht gegen einen Stein ersetzt wird, kann der Dorfseelsorger nur hoffen. Der aber erfreut zur Kenntnis nimmt, dass immer mehr seiner "Schafe" verfügen, nach altem Brauchtum ihre letzte Ruhe zu finden.
Und was wird einmal die Grabstädte von Pfarrer Roland Pappe zieren? Natürlich ein Holzstickel. Denn: "Ich würde mich bedanken, wenn man mir einen Steinklotz hinsetzen würde", verrät der Seelsorger.

Artikel aus der Pforzheimer Zeitung, geschrieben von Thomas Frei